Auch Warschau ist eine Stadt


… die Love Parade. Und das Mitten in Warschau. Einfach so. Ohne großes Theater und zugegeben etwas kleiner. Vielleicht auch eher wie Fasching (= Karneval). Doch im Ergebnis sehr nett: auf höchst unterschiedlichen Trucks, Bussen, VW-Bussen oder auch Autos sind möglichst viele Studenten (wenn auch nicht immer als solche erkennbar) untergebracht – „sortiert“ nach Uni oder auch Fachbereich. Zumindest größere Unis – unsere war nicht dabei, selbst so ein Auto war wohl zu groß… In der Regele wurde in den Trucks Techno/Dance gespielt, innen wurde getanzt und auch außen ein bisschen. Am beeindruckendsten war dann aber doch, dass das ganze ohne großes Absperren im Vorfeld funktionieren konnte: ein paar Polizisten fuhren vor dem ganzen Umzug (vielleicht 40 Wagen), aber nix mit Straße für Stunden vorher absperren – und hat dennoch alles geklappt. Hoch lebe Juvenalia!

Am Abend ging dann die Party in Konzerte über. In einem Sportstadion spielten polnische Bands polnische Weisen – ein bisschen so wie „Wir sind Helden“ vielleicht. Auf jeden Fall ein gelungener Abend!

„So jetzt seid ihr ja schon länger hier – wie gefällt euch denn Warschau?“ Keine ganz leichte Frage, vor allem wenn sie von einer warschauer Kommilitonin gestellt wird. Denn als „hübsch“ kann man – wenn man sich auch die Stadt als Ganzes bezieht – Warschau bestimmt nicht bezeichnen. Als „interessant“ auf jeden Fall, doch hat diese Formulierung den Beigeschmack einer etwas unbeholfenen Notlüge / Notlösung vergleichbar mit der Antwort auf die Frage wie man die neue (furchtbare) Frisur finde. Doch wie ist Warschau dann? Vielleicht ist „zerrissen“ ein treffenderer Ausdruck – auch wenn nicht wirklich klar hervorgeht was man sich darunter vorzustellen hat; womit aber Warschau relativ gut beschrieben wird, denn auch aus der Stadt selber geht nichts klar hervor. Grund dürfte unter anderem die mehr als (schon wieder dieses Wort) zerrissene Geschichte sein, die vor allem von unzähligen Fremdherrschaften (Schweden, Deutschland, Russland etc.) geprägt ist.

Auch eines der (neuen) Wahrzeichen Warschaus, der Kulturpalast mitten im Zentrum, zeugt von dieser Geschichte. Erbaut 1955 von der Sowjetunion als Geschenk für Warschau, war dieses 234 Meter hohe Riesengebäude mit über 3200 Zimmern und zahlreichen Museen und Veranstaltungsräumen lange Zeit eines der verhaßtesten Gebäude Warschaus. Nun ist es ein Wahrzeichen. Ein Wahrzeichen, auf das man auch hinaufsteigen kann – und Fotos machen:

Nordenöstlich:

Norden:

Nordwest:

Westen:

Süden:

Südost:

Osten

Gestern war es nun endlich so weit: der Gang in die Unterwelt stand an. Tief in den Sumpf des Verbrechens wollten wir vorstoßen. Bis nach „Asien“ vordringen, der „Jahrmarkt der Gestrandeten“ war unser Ziel. Der Legende nach sollte es hier möglich sein einfach alles zu kaufen: über Panzer bis hin zu jungen Hunden, die sich später als Bären erweisen.

Umso größer dann unsere Ernüchterung, als wir feststellen mussten, dass auch die Unterwelt am Sonntag frei hat. Pünktlich um zwei Uhr, also genau dann als wir eintrafen, hatte die Unterwelt beschlossen wieder Teil der Oberwelt zu werden und ihre Buden geschlossen. Zurück blieb ein trostloses Stadion, dass ansonsten scheinbar voller Händler sein sollte, sowie ein paar Buden:

Doch die Unterwelt sei gewarnt: wir werden wieder kommen….

Nun, ein Haus werde ich nun wohl nicht haben und auf Grund der Lage des Hostels in einem Industriegebiet, kann ich auch kein Block mein eigenen nennen. Bleibt also nur die Stadt: ab wann ist eine Stadt die eigenen Stadt? Wenn man sich nicht mehr verläuft? Wenn der Besitzer vom Cafe um die Ecke einen mit Namen kennt, oder wenn man fuer einen Einheimischen gehalten wird? Vielleicht. Doch selbst wenn, so würde ich auch diese Kriterien nicht erfüllen. Doch trotzdem kann ich – wie ich finde – voller Stolz sagen: Warschau, meine Stadt. Zumindest wenn man als weiteres Kriterium „einem Einheimischen den Weg nach Hause erklären“ gelten lässt. Gut, in meinem Fall handelte es sich bei dem Einheimischen zwar um einen Polen, der allerdings erst seit knapp einem halben Jahr in Warschau lebt. Doch immerhin. Wie es kam? Nach einem Diskobesuch. Als wir um drei Uhr den „Underground Club“ verließen mit dem Ziel nach Hause zu gehen schaute er mich mit traurigen Augen an, denn er hatte erkannt, dass keine Metro mehr fuhr und auch die Trambahnen erst zwischen vier und fünf fahren würden. Also Taxi? Nein! Denn er hatte ja einen kundigen Fremden als Begleiter: so erfuhr er denn, dass es nicht nur den Nachtbus gäbe, den ich zu nehmen gedenke, nein, noch weitere. Und so blickten seine Augen gar nicht mehr traurig, als ich ihn zu einer Nachtlinien-Busstation bringen konnte, die ihn dann – hoffentlich – wohlbehalten in sein Wohnheim bringen konnte. – Und Warschau aus einer Stadt in meine Stadt verwandelte.

Vom Kapitalen Kapitalismus am Hauptbahnhof…
Kapitaler Kapitalismus

… ueber entspannten Sozialismus im Zentrum…

Sozialismus

… fuehlt man sich manchmal in der Altstadt ins Mittelalter zurueck versetzt…

… da hilft dann nur ein Blick auf die Weichsel…

Blick auf die Weichsel

… aber nicht dass man schwermuetig wird…

… doch manchmal gibt es dafuer durchaus Gruende…

Ob das in der Tat stimmt, kann und soll hier nicht weiter diskutiert werden. Viel wichtiger ist ja eigentlich auch, dass es ueberhaupt einen gibt-auch fuer Warschau, auch von mir. Doch muss natuerlich gleich zuvor angemerkt werden, dass es hierbei einige Variablen gibt, die es zu beruecksichtigen gilt und von denen unmittelbar der erste Eindruck abhaengen koennen: das Wetter, die Person mit der man zu erst spricht, das Schild das man zuerst sieht oder vielleicht auch das erste Geraeusch… Und natuerlich der – ich nenne es mal – augenblickliche Gemuetszustand der den Eindruck empfangenden Person.

Dieser war auf jeden Fall als positiv einzustufen: das Flugzeug war ohne seltsame Huepfer und andere Absonderlichkeiten gestartet, geflogen und puenktlich gelandet. Zusaetzlich gab es eine lecker Semmel und eine Cola. Schlafen konnte man auch noch sowie die Sonne schien – was will man mehr.

Guten Voraussetzungen also fuer einen positiven ersten Eindruck! Gut, es war niemand da einen abzuholen – doch noch voller Tatendrang erschien dass nur als eine weitere Herausforderung. Auch dass die Stadtplanverkaeuferin nicht wirklich gluecklich ueber den grossen Schein war ist verstaendlich und konnte einen ersten positiven Eindruck nicht verhindern. Dann der Bus und die Fahrt ins Zentrum: klappte alles problemlos, wenn auch sehr holprig und klapprig. Und dann also das Zentrum! Es huebsch nennen zu wollen waere wohl nicht wirklich angebracht – interessant bestimmt – aber eben nicht huebsch. Wobei der sozialistische Kulturpalast schon einen eigentuemlichen Reiz ausstrahlt und auch sonst wirkt alles etwas unentschieden: kapitale und kapitalistische Hochhaeuser auf der einen Seite, sozialistische Bauten und Buden auf der anderen.

Und somit ist auch der erste Eindruck zwiegespalten:  zwar durchweg positiv, aber auch mit dem Gefuehl verbunden, dass alles unter Umstaenden etwas trostlos wirken kann (etwas was sich auf den Fahrten in die Randbezirke und in der Nacht auch schnell bestaetigen liess).  Weitere Untersuchungen haben, werden und muessen also noch zu erfolgen haben.