Februar 2007


Trotz des etwas ungluecklichen Beginns des gestrigen Tages (Erst auf dem Weg zum Bus hatte ich gemerkt, dass es nicht 9, sondern erst 8 Uhr war  und ich somit das Bett eine Stunde zu frueh verlassen hatte…), endete er grossartig mit dem Bezug einer Wohnung: insgesamt vier Zimmer, ein Bad Toilette und relativ grosse Kueche. Zusaetzlich mit der Tram/Bus nur ca. 15 Minuten vom Zentrum/Uni/Flughafen entfernt, sowie bewacht von einem muerrischen Security… Bis jezt sind wir allerdings nur zu dritt (noch meine zwei franzoesischen Erasmuskollegen), daher brauchen wir auf jeden Fall noch einen vierten (oder auch fuenften, sofern sie sich das Zimmer teilen moechten…), aber die tuerkischen Kollegen ueberlegen es sich derzeit noch. Ende gut alles gut!

Vorurteile, Stereotypen – wer kennt sie nicht, wer hat sie nicht. So trifft man immer wieder auf die Aussage, dass Polen klauen – vorwiegend Autos. Unabhängig davon, das ich gar kein Auto habe, kann ich das glücklicherweise bis jetzt nicht bestätigen (Toi-toi, dreimal hinter die linke Schulter gespuckt, schwarz Katze getreten und was man sonst noch so alles machen kann…) – v.a. aber geht im Augenblick auch die Gefahr von Hedi aus (=heimtückischer Dieb): Am Wochenende waren die Italiener für fünf Minuten in der Küche ohne ihr Zimmer abgeschlossen zu haben und bei ihrer Rückkehr war der Laptop und eine Kamera weg – und das um drei Uhr morgens. Auch Zimmerdurchsuchen half da nicht weiter – als letzte Möglichkeit bliebe vielleicht noch der Schwarzmarkt, allerdings dürfte es schwierig werden den Händler von seinem unrechtmäßigen Eigentum zu überzeugen.

Ein weiterer Grund also möglichst schnell eine neue Unterkunft zu finden – heute Abend wird wieder eine Wohnung angeschaut. Hoffentlich klappt es!

Nun, ein Haus werde ich nun wohl nicht haben und auf Grund der Lage des Hostels in einem Industriegebiet, kann ich auch kein Block mein eigenen nennen. Bleibt also nur die Stadt: ab wann ist eine Stadt die eigenen Stadt? Wenn man sich nicht mehr verläuft? Wenn der Besitzer vom Cafe um die Ecke einen mit Namen kennt, oder wenn man fuer einen Einheimischen gehalten wird? Vielleicht. Doch selbst wenn, so würde ich auch diese Kriterien nicht erfüllen. Doch trotzdem kann ich – wie ich finde – voller Stolz sagen: Warschau, meine Stadt. Zumindest wenn man als weiteres Kriterium „einem Einheimischen den Weg nach Hause erklären“ gelten lässt. Gut, in meinem Fall handelte es sich bei dem Einheimischen zwar um einen Polen, der allerdings erst seit knapp einem halben Jahr in Warschau lebt. Doch immerhin. Wie es kam? Nach einem Diskobesuch. Als wir um drei Uhr den „Underground Club“ verließen mit dem Ziel nach Hause zu gehen schaute er mich mit traurigen Augen an, denn er hatte erkannt, dass keine Metro mehr fuhr und auch die Trambahnen erst zwischen vier und fünf fahren würden. Also Taxi? Nein! Denn er hatte ja einen kundigen Fremden als Begleiter: so erfuhr er denn, dass es nicht nur den Nachtbus gäbe, den ich zu nehmen gedenke, nein, noch weitere. Und so blickten seine Augen gar nicht mehr traurig, als ich ihn zu einer Nachtlinien-Busstation bringen konnte, die ihn dann – hoffentlich – wohlbehalten in sein Wohnheim bringen konnte. – Und Warschau aus einer Stadt in meine Stadt verwandelte.

Vom Kapitalen Kapitalismus am Hauptbahnhof…
Kapitaler Kapitalismus

… ueber entspannten Sozialismus im Zentrum…

Sozialismus

… fuehlt man sich manchmal in der Altstadt ins Mittelalter zurueck versetzt…

… da hilft dann nur ein Blick auf die Weichsel…

Blick auf die Weichsel

… aber nicht dass man schwermuetig wird…

… doch manchmal gibt es dafuer durchaus Gruende…

Ob das in der Tat stimmt, kann und soll hier nicht weiter diskutiert werden. Viel wichtiger ist ja eigentlich auch, dass es ueberhaupt einen gibt-auch fuer Warschau, auch von mir. Doch muss natuerlich gleich zuvor angemerkt werden, dass es hierbei einige Variablen gibt, die es zu beruecksichtigen gilt und von denen unmittelbar der erste Eindruck abhaengen koennen: das Wetter, die Person mit der man zu erst spricht, das Schild das man zuerst sieht oder vielleicht auch das erste Geraeusch… Und natuerlich der – ich nenne es mal – augenblickliche Gemuetszustand der den Eindruck empfangenden Person.

Dieser war auf jeden Fall als positiv einzustufen: das Flugzeug war ohne seltsame Huepfer und andere Absonderlichkeiten gestartet, geflogen und puenktlich gelandet. Zusaetzlich gab es eine lecker Semmel und eine Cola. Schlafen konnte man auch noch sowie die Sonne schien – was will man mehr.

Guten Voraussetzungen also fuer einen positiven ersten Eindruck! Gut, es war niemand da einen abzuholen – doch noch voller Tatendrang erschien dass nur als eine weitere Herausforderung. Auch dass die Stadtplanverkaeuferin nicht wirklich gluecklich ueber den grossen Schein war ist verstaendlich und konnte einen ersten positiven Eindruck nicht verhindern. Dann der Bus und die Fahrt ins Zentrum: klappte alles problemlos, wenn auch sehr holprig und klapprig. Und dann also das Zentrum! Es huebsch nennen zu wollen waere wohl nicht wirklich angebracht – interessant bestimmt – aber eben nicht huebsch. Wobei der sozialistische Kulturpalast schon einen eigentuemlichen Reiz ausstrahlt und auch sonst wirkt alles etwas unentschieden: kapitale und kapitalistische Hochhaeuser auf der einen Seite, sozialistische Bauten und Buden auf der anderen.

Und somit ist auch der erste Eindruck zwiegespalten:  zwar durchweg positiv, aber auch mit dem Gefuehl verbunden, dass alles unter Umstaenden etwas trostlos wirken kann (etwas was sich auf den Fahrten in die Randbezirke und in der Nacht auch schnell bestaetigen liess).  Weitere Untersuchungen haben, werden und muessen also noch zu erfolgen haben.

Dunkelheit senkt sich ueber Warschau. Nichts schlaeft – auch nicht unser Held. Denn er hat eine Mission: ein neues („gut ausgestattetes“) Hostel! Anmutig schleppt er seinen Koffer und Tasche in eine Tram. Es ist die richtige. Und faehrt und faehrt und faehrt. Nach endlosem Holpern und Rumpeln haelt das Gefaehrt an der richtigen Stelle und unser Held steigt in den Bus. Es ist der falsche. Aber unser Held waere nicht unser Held wenn er dass nicht (fast) sofort erkennen wuerde. Also raus. Anmutiges Gepaeck-auf-die-andere-Strassenseite tragen verbunden mit sich ueber die Ruecklichter des Bussese – den richtigen – zu freuen. Also warten und warten und warten. Doch unser Held hat Geduld. Und so wartet er und faehrt und faehrt dann wieder. Industrie zieht in der Dunkelheit vorbei, einsame Hundeaugen laeuchten dem Bus den Weg. Doch unser Held fuerchtet sich nicht. Dann endlich auf der rechten Seite eine Mischung aus Plattenbau und modernem Baukontainer. Das soll also die Unterkunft des Helden fuer die naechsten 9 Tage sein. Voller Vorfreude wankt unser Held immer noch anmutig in das Hostel – und bekommt auch mit Hilfe eines freundlichen Bangladeschi ein Zimmer zugewiesen. Die Hilfe war noetig, denn man spricht hier nur Polnisch = zu lernen = Projekt eins fuer unseren Helden. Vorbei an einer Kueche in der es nur Herdplatten und Kuehlschrank gibt (Teller, Toepfe, Besteck und was man sonst noch so braucht hat unser Held nur leider nicht zur Hand), sowie an einem rudimentaeren Bad und Toiletten erwartete unseren Helden sein Zimmer! Und welche Freude: er hatte das drei-Bett-Zimmer fuer sich! Erschoepft liess er sich auf eines der Betten fallen – doch nicht fuer lange. Denn unser Held waere kein Held, wenn das schon die Ende der Geschichte waere. Doch dazu spaeter mehr…

Haeuser werden total ueberbewertet! Und so kann es dann ganz schnell gehen und von den vier Interessenten zu Anfang ist am Ende keiner mehr da.. Denn zwar war es wirklich und tatsaechlich ein ganzes Haus mit drei Stockwerken, zahlreichen Toiletten, Baedern und Zimmern und vier ukrainischen Studenten quasi als Bonus… Aber einen Bewerber (=ich) empfand es dann doch eher als stoerend, dass es nicht mehr in Warschau, sondern in einem Vorort von Warschau gelegen ist, d.h. 15 Minuten mit dem Zug entfernt, der dann auch von 12-6 nicht mehr faehrt. Und auch ist eines von den Zimmern die frei waeren eher eine Zelle mit Bett und Fenster. Den anderen Interessenten war dann eher der Preis von ca. 190 Euro zu hoch – ob es allerdings billiger geht wagt der eine Interessent zu bezweifeln. Die Suche geht also weiter..

Lange darf sie aber nicht dauern, denn das Hostel ist doch eher gewoehnungsbeduerftig – doch dazu spaeter mehr!

Ich bin ein Warschauraner. Wenn ich diesen Ausspruch am Ende auf Polnisch sagen kann, dann, ja dann, werde ich voller Stolz auf meine polnischen Sprachfaehigkeiten blicken… Nicht, dass ich mich nicht darum bemuehen wuerde, aber schon die Aussprache von „Danke“ bereitet noch etwas Schwierigkeiten – oder liegt es etwa daran, dass es bis jetzt noch nicht so viele Gelegenheiten gegeben haette in denen ich dieses Wort haette verwenden koennen, bzw. man es mir gesagt haette? Well…

Nun ja – etwas kompliziert ist es dann doch hier. Vor allem wohnungstechnisch gestaltet sich das Ganze noch etwas schwierig: einen Platz im Wohnheim wurde zwar reserviert, aber leider vergessen mir auch den Namen vom selbigen zu nennen; was ja auch kein Problem gewesen waere, wenn ich wie versprochen vom Flughafen abgeholt worden waere… So irrte ich dann von Hostel zu Hostel, bis ich dann eine Jugenherberge gefunden hatte, die gewillt war mich auf zu nehmen.

Doch Rettung nahte heute morgen in Form des (Aushilfs-) Erasmus-Koordinators und nun habe ich mit drei anderen Erasmusleutchen einen Termin fuer eine Hausbesichtigung – also alles prima, wenn nicht nur fuer zwei von uns dort Platz waere…

Wie wird es also weiter gehen? Werde ich einer von den Gluecklichen sein? Oder muss auch ich ins Hostel im Warschauer Outback – ca. 1-2 Stunden vom Zentrum entfernt, jeweils zu dritt in einem Zimmer, aber dafuer eines der best-ausgestatteten?